Medikamente und Zahnbehandlung: Was kritisch ist, mit Such-Finder
Implikation für den Dental-Unternehmer
- Fragen Sie Blutverdünner, Knochenspritzen und Abnehmspritzen schon bei der Terminvergabe ab. So platzen keine OP-Termine wegen INR, Rücksprache oder Pause.
- Lokalanästhetika ohne Adrenalin gehören auf Vorrat, für Patienten mit trizyklischen Antidepressiva, MAO-Hemmern oder Propranolol.
- Lassen Sie das Team den Medikationsplan bei jedem Recall abgleichen und kritische Wirkstoffe in der Karteikarte markieren.
- Patienten unter Antiresorptiva brauchen je nach Risiko Recalls alle 12, 6 oder 3 Monate. Legen Sie diese fest in Ihrer Terminplanung an.
Blutverdünner, Antiresorptiva, Antidepressiva, Statine. Welche Medikamente bei der Zahnbehandlung kritisch sind, warum, und was Sie tun. Mit Finder nach Handelsname oder Wirkstoff.
In 2 Minuten
- Kritisch sind vor allem sechs Themen: Blutung, Kiefernekrose, Lokalanästhesie mit Adrenalin, Antibiotikum, Schmerzmittel und Sedierung.
- Blutverdünner laufen bei einfachen Eingriffen meist weiter. Bei Cumarinen wird der INR 24 bis 48 Stunden vorher bestimmt, duale Plättchenhemmung nie ohne Rücksprache.
- Adrenalinhaltige Lokalanästhetika sind laut Fachinformation kontraindiziert bei trizyklischen Antidepressiva, MAO-Hemmern und nicht kardioselektiven Betablockern wie Propranolol.
- Clarithromycin ist unter anderem mit Simvastatin, Ticagrelor und Colchicin kontraindiziert. Metronidazol verträgt sich nicht mit Alkohol und ist bei Lithium und Cumarinen heikel.
- Was Sie jetzt tun sollten: Prüfen Sie den Medikationsplan vor jedem Eingriff mit dem Finder unten und klären Sie alle Punkte mit „Vorher klären“ vor dem Termin.
Fast jeder ältere Patient bringt einen Medikationsplan mit. Die meisten Mittel sind für die Zahnbehandlung egal. Einige aber entscheiden, ob Sie Adrenalin spritzen, welches Antibiotikum Sie verordnen oder ob der Eingriff heute stattfinden kann. Der Finder unten zeigt für 90 Wirkstoffe, worauf es ankommt.
Der Finder
Handelsname oder Wirkstoff eingeben, etwa aus dem Medikationsplan. Der Finder zeigt, warum das Mittel bei der Zahnbehandlung kritisch ist und was Sie tun.
Die Einträge stammen aus zwei S3-Leitlinien, einer Implantat-Leitlinie und den Fachinformationen der in der Zahnarztpraxis üblichen Mittel: Articain mit Epinephrin, Amoxicillin, Clarithromycin, Metronidazol und Ibuprofen. [1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8] Ein Medikament ist nur dann „kritisch“, wenn es mit einem dieser Schritte kollidiert.
Wo Medikamente im Ablauf zählen
- TerminplanungCumarine, duale Plättchenhemmung, GLP-1-SpritzenINR-Termin, Rücksprache mit dem Arzt, bei Sedierung Spritzenpause durch den verordnenden Arzt
- LokalanästhesieTrizyklika, MAO-Hemmer, PropranololKein Adrenalin. Bei Herz-Kreislauf-Patienten 1:200.000 statt 1:100.000
- Eingriff: BlutungDOAK, Cumarine, Heparin, ASS, ClopidogrelWeiterführen, Eingriff kurz vor die nächste Einnahme, lokale Blutstillung
- Eingriff: KnochenBisphosphonate, Denosumab, AngiogenesehemmerKautelen: Antibiose, atraumatisch, plastische Deckung
- RezeptStatine, Lithium, Methotrexat, SSRIAntibiotikum und Schmerzmittel passend wählen
- RecallAntiresorptivaalle 12, 6 oder 3 Monate je nach Risikoprofil
Blutverdünner: weiterführen, nicht absetzen
Die S3-Leitlinie zur zahnärztlichen Chirurgie unter Gerinnungshemmern ist seit 2020 abgelaufen, ihre Kernaussagen gelten weiter als letzter Konsens. [1]
| Mittel | Einfacher Eingriff | Worauf Sie achten |
|---|---|---|
| Cumarine (Marcumar, Falithrom) | weiterführen [1] | INR 24 bis 48 Stunden vorher bestimmen [1] |
| DOAK (Eliquis, Xarelto, Lixiana, Pradaxa) | weiterführen [1] | Eingriff kurz vor die nächste Einnahme, bei höherem Blutungsrisiko frühestens 12 bis 24 Stunden nach der letzten [1] |
| ASS niedrig dosiert | weiterführen [1] | lokale Blutstillung |
| Clopidogrel, Prasugrel, Ticagrelor allein | weiterführen [1] | bei höherem Blutungsrisiko Spezialisten erwägen [1] |
| Duale Plättchenhemmung, etwa nach Stent | nie ohne Rücksprache unterbrechen [1] | elektive Eingriffe verschieben, bis die duale Therapie endet [1] |
Bei den Cumarinen und bei Dabigatran hat die Fachgesellschaft der MKG-Chirurgen (DGMKG) ein Sondervotum eingelegt: Weiterführen „kann“, Dabigatran darf auch einen Tag pausieren. [1] Die Entscheidung über eine Pause trifft in jedem Fall der behandelnde Arzt.
Antibiotikum und Schmerzmittel zählen mit. Amoxicillin, Metronidazol und Clarithromycin können bei Cumarinen den INR erhöhen. [5, 6, 7] Ibuprofen kann die Wirkung von Antikoagulanzien verstärken. [8]
Mehr zur Leitlinie lesen Sie in Weisheitszähne und Gerinnungshemmer.
Knochenmittel: das Risiko der Kiefernekrose
Bisphosphonate und Denosumab können eine Kiefernekrose auslösen. Die S3-Leitlinie teilt das Risiko in drei Profile: [2]
| Profil | Typische Patienten | Risiko | Recall |
|---|---|---|---|
| niedrig | Osteoporose, Bisphosphonat oder Denosumab 60 mg alle 6 Monate | 0 bis 0,5 % [2] | etwa alle 12 Monate [2] |
| mittel | zusätzlich Kortison, Methotrexat, Diabetes, sekundäre Osteoporose | bis 1 % [2] | etwa alle 6 Monate [2] |
| hoch | Knochenmetastasen, Myelom, monatlich Zoledronat 4 mg oder Denosumab 120 mg | 1 bis 21 % [2] | etwa alle 3 Monate [2] |
Angiogenesehemmer wie Bevacizumab oder Sunitinib verstärken das Risiko. In einer Studie lag es in Kombination mit Bisphosphonaten bei 16 %, mit Bisphosphonat allein bei 1,1 %. [2] Auch Romosozumab (Evenity) kann laut Fachinformation selten eine Kiefernekrose auslösen. [9]
Operieren dürfen Sie, aber nur mit Kautelen: verlängerte antibiotische Abschirmung, atraumatisch, scharfe Knochenkanten glätten, plastische Deckung mit spannungsfreier Naht. [2] Für Implantate fordert die neue Leitlinie von 2026 eine perioperative Antibiotikaprophylaxe. [3] Eine Therapiepause empfiehlt die Leitlinie weder dafür noch dagegen. Sie wird interdisziplinär mit den behandelnden Ärzten entschieden. [2]
Lokalanästhesie: wann kein Adrenalin
Die Fachinformation von Articain mit Epinephrin nennt diese Gegenanzeigen, die von Medikamenten abhängen: [4]
- trizyklische Antidepressiva, etwa Amitriptylin, auch niedrig dosiert gegen Schmerzen
- MAO-Hemmer, bis 14 Tage nach dem Absetzen
- nicht kardioselektive Betablocker wie Propranolol
- kardioselektive Betablocker wie Metoprolol oder Bisoprolol
- Herz-Kreislauf-Erkrankungen: 1:200.000 statt 1:100.000 erwägen
- COMT-Hemmer und Digitalis: weniger Adrenalin
- Abschwellende Mittel in den letzten 24 Stunden: Termin verschieben
Die Fachinformation begründet das mit der Gefahr einer hypertensiven Krise oder schweren Bradykardie (Betablocker) und der verstärkten Herz-Kreislauf-Wirkung des Adrenalins (Antidepressiva). [4] Prüfen Sie die Fachinformation Ihres eigenen Präparats, die Angaben können sich unterscheiden.
Antibiotika und Schmerzmittel: das Rezept prüfen
Die meisten Wechselwirkungen entstehen nicht in der Praxis, sondern mit dem Rezept. Die drei auffälligsten:
- Clarithromycin ist kontraindiziert mit Simvastatin und Lovastatin, Ticagrelor, Colchicin, Ivabradin und Ranolazin. Es erhöht außerdem die Spiegel von Digoxin, Carbamazepin, Theophyllin, Ciclosporin und Tacrolimus. [5]
- Metronidazol verträgt sich nicht mit Alkohol, bis 48 Stunden nach der letzten Dosis. Bei Lithium soll die Lithiumtherapie vorher reduziert oder beendet werden, bei Cumarinen steigt die Gerinnungshemmung. [6]
- Ibuprofen erhöht mit Kortison, SSRI, ASS und Antikoagulanzien das Blutungsrisiko im Magen-Darm-Trakt und kann die Spiegel von Methotrexat und Lithium erhöhen. [8]
Amoxicillin ist vergleichsweise unkompliziert. Achten Sie auf Methotrexat und Cumarine. [7]
Abnehmspritzen bei Sedierung
GLP-1-Rezeptoragonisten wie Semaglutid (Ozempic, Wegovy) oder Tirzepatid (Mounjaro) verzögern die Magenentleerung. Die EMA hat 2024 auf das Aspirationsrisiko bei Narkose und tiefer Sedierung hingewiesen. [10] Die Anästhesie-Fachgesellschaften empfehlen vor elektiven Eingriffen, Wochenspritzen eine Woche und Tagespräparate am OP-Tag auszusetzen. [11] Das entscheidet der verordnende Arzt. Für Behandlungen in Lokalanästhesie nennen die Quellen keine Einschränkung.
Der Finder und dieser Artikel ersetzen weder die Fachinformation noch die Rücksprache mit dem behandelnden Arzt. Ändern Sie keine Medikation selbst. Ein Absetzen von Blutverdünnern, Antiresorptiva oder Antidepressiva entscheidet der Arzt, der sie verordnet hat.
Welche Diagnosen hinter den Medikamenten stehen, lesen Sie in Die zehn wichtigsten Allgemeinerkrankungen.
Häufige Fragen
Gibt es Medikamente, bei denen eine Zahnbehandlung gar nicht möglich ist?
Kaum. Meist ist nicht die Behandlung ausgeschlossen, sondern ein bestimmtes Mittel, etwa Adrenalin im Lokalanästhetikum oder ein Antibiotikum wie Clarithromycin. Bei hohem Risiko, etwa dualer Plättchenhemmung oder Antiresorptiva in der Krebstherapie, verschieben Sie elektive Eingriffe oder stimmen sie mit dem behandelnden Arzt ab.
Darf ich einem Patienten sagen, er soll seinen Blutverdünner vor der Extraktion weglassen?
Nein, nicht eigenmächtig. Die S3-Leitlinie empfiehlt bei einfachen Eingriffen, Cumarine, DOAK, ASS und eine Monotherapie mit Clopidogrel, Prasugrel oder Ticagrelor weiterzuführen. Eine Pause oder Überbrückung entscheidet der behandelnde Arzt.
Welches Lokalanästhetikum nehme ich bei Amitriptylin oder Propranolol?
Laut Fachinformation von Articain mit Epinephrin ist die Kombination mit trizyklischen Antidepressiva und nicht kardioselektiven Betablockern kontraindiziert. Weichen Sie auf eine Lösung ohne Vasokonstriktor aus und prüfen Sie die Fachinformation Ihres Präparats.
Ersetzt der Finder eine Interaktionsprüfung?
Nein. Er deckt häufige, zahnärztlich relevante Fälle aus Leitlinien und Fachinformationen ab. Fehlt ein Mittel, heißt das nicht, dass es unbedenklich ist. Maßgeblich bleiben die aktuelle Fachinformation und die Rücksprache mit dem behandelnden Arzt.
Quellen
- AWMF-Register 083-018, S3-Leitlinie Zahnärztliche Chirurgie unter oraler Antikoagulation/Thrombozytenaggregationshemmung, Langversion, Stand August 2017 (abgelaufen), 01.08.2017. Abgerufen am 02.10.2026
- AWMF-Register 007-091, S3-Leitlinie Antiresorptiva-assoziierte Kiefernekrosen (AR-ONJ), Stand Dezember 2018 (abgelaufen), 02.12.2018. Abgerufen am 02.10.2026
- AWMF-Register 083-026, S3-Leitlinie Zahnimplantate bei medikamentöser Behandlung mit Knochenantiresorptiva (inkl. Bisphosphonate), Langfassung, Stand März 2026, 24.03.2026. Abgerufen am 02.10.2026
- Fachinformation Ultracain D-S / Ultracain D-S forte (Articainhydrochlorid, Epinephrinhydrochlorid), Abschnitte 4.3 bis 4.5, Stand März 2022, 01.03.2022. Abgerufen am 02.10.2026
- Fachinformation Clarithromycin AL 250 mg/500 mg Filmtabletten, Abschnitte 4.3 bis 4.5, Stand Februar 2024, 01.02.2024. Abgerufen am 02.10.2026
- Fachinformation Metronidazol 400 Heumann, Abschnitte 4.4 und 4.5, Stand September 2025, 01.09.2025. Abgerufen am 02.10.2026
- Fachinformation Amoxicillin AbZ 1000 mg Filmtabletten, Abschnitt 4.5, Stand November 2025, 01.11.2025. Abgerufen am 02.10.2026
- Fachinformation Ibuprofen HEUMANN Schmerztabletten 400 mg Filmtabletten, Abschnitte 4.4 und 4.5, Stand November 2024, 01.11.2024. Abgerufen am 02.10.2026
- EMA: Evenity (Romosozumab), Produktinformation (Zusammenfassung der Merkmale des Arzneimittels), Abschnitt 4.4. Abgerufen am 02.10.2026
- EMA, PRAC: Meeting highlights 8–11 July 2024 (GLP-1-Rezeptoragonisten und Aspirationsrisiko), 12.07.2024. Abgerufen am 02.10.2026
- DGAI: Operationsrisiken bei GLP-1-Agonisten, Empfehlungen zum präoperativen Umgang (Pressemitteilung), 10.05.2024. Abgerufen am 02.10.2026
Stand: 02.10.2026. Allgemeine Information, keine Beratung im Einzelfall. Regionale Abweichungen der KZVen möglich.
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