Neue S3-Leitlinie Parodontitis Stadium IV: Zahnerhalt vor Zahnersatz
Implikation für den Dental-Unternehmer
- Mit 26,4 Prozent Stadium IV bei den 65- bis 74-Jährigen wird die gemeinsame Planung von PAR-Therapie und Zahnersatz zum festen Teil Ihres Angebots.
- Definitiver Zahnersatz folgt erst nach der Reevaluation, rechnen Sie bei Stadium IV mit längeren Behandlungsstrecken und provisorischen Zwischenschritten.
- Implantate, regenerative Chirurgie und Kieferorthopädie bei Erwachsenen sind grundsätzlich keine Kassenleistung, klären Sie den Privatanteil früh.
- Fragen Sie bei Diabetes nach der Blutzuckereinstellung und planen Sie die UPT-Termine nach dem Risiko des Patienten.
Die S3-Leitlinie zu Parodontitis Stadium IV ist neu gefasst, gültig bis 2031. Was sie für Planung, Zahnersatz, UPT und Patienten mit Diabetes bedeutet.
In 2 Minuten
- Die S3-Leitlinie 083-056 „Die Behandlung von Parodontitis Stadium IV“ trägt den Stand Mai 2026 und ist bis Mai 2031 gültig.
- Stadium IV unterscheidet sich von Stadium III durch die Folgen des Gewebeverlusts, etwa weniger als 20 Zähne, Lockerungsgrad ab 2 oder Bisskollaps. Die Leitlinie ordnet die Fälle vier Falltypen zu.
- Zahnerhalt soll die erste Strategie sein. Definitiver Zahnersatz soll erst nach abschließender Bewertung der Pfeiler folgen, neu bewertet sind Doppelkronen und Druckknopfsysteme.
- Regelmäßige UPT reduziert langfristig Zahnverlust. Bei Diabetes senkt die Parodontitistherapie laut Cochrane-Review den HbA1c-Wert um rund 0,4 Prozentpunkte.
- Was Sie jetzt tun sollten: Planen Sie bei Stadium IV Parodontaltherapie und Zahnersatz gemeinsam, aber in der richtigen Reihenfolge, und fragen Sie bei Diabetes nach der Blutzuckereinstellung.
Die S3-Leitlinie zur Behandlung von Parodontitis Stadium IV liegt in einer neuen Fassung vor. Sie gilt für Patienten, bei denen die Parodontitis schon Zähne, Funktion oder Biss gekostet hat. Die Leitlinie zu den Stadien I bis III stellen wir im Artikel zur S3-Leitlinie Parodontitis vor. Hier geht es um das, was bei Stadium IV hinzukommt.
Was die Leitlinie ist
Die S3-Leitlinie 083-056 ist die deutsche Umsetzung der Leitlinie der European Federation of Periodontology (EFP) zu Stadium IV. Federführend sind DGZMK, DG PARO, die Deutsche Gesellschaft für Kieferorthopädie, die DGI und die DGPro. Beteiligt waren unter anderem BZÄK und KZBV. Die Langfassung trägt den Stand Mai 2026 und ist bis Mai 2031 gültig.
Neu gegenüber der europäischen Vorlage ist laut Leitlinie eine Empfehlung zu herausnehmbarem Zahnersatz, der auf Zähnen und Implantaten zugleich verankert ist. Damit bewertet sie erstmals Doppelkronen (Teleskop- oder Konuskronen) und Druckknopfsysteme, die in Deutschland verbreitet sind.
Wann Stadium IV vorliegt
Stadium IV unterscheidet sich von Stadium III vor allem durch die Folgen des Gewebeverlusts:
- weniger als 20 verbliebene Zähne (weniger als 10 Antagonisten),
- Kaufunktionsstörungen,
- Zahnlockerung ab Grad 2,
- schwere Kieferkammdefekte,
- Bisskollaps mit Zahnwanderung oder Auffächerung.
Laut Leitlinie, gestützt auf die Sechste Deutsche Mundgesundheitsstudie, haben 3,9 Prozent der 35- bis 44-Jährigen und 26,4 Prozent der 65- bis 74-Jährigen eine Parodontitis im Stadium IV.
Vier Falltypen
Die Leitlinie ordnet die Patienten vier Falltypen zu. Sie können sich überschneiden, etwa wenn Ober- und Unterkiefer unterschiedlich behandelt werden.
| Falltyp | Situation | Zusätzliche Behandlung |
|---|---|---|
| 1 | Zahnlockerung durch sekundäres okklusales Trauma, ohne Zahnersatz lösbar | vorübergehende Schienung, begrenztes Einschleifen |
| 2 | Zahnwanderung (Elongation, Drifting, Auffächerung) | Kieferorthopädie, erst nach Erreichen der parodontalen Ziele |
| 3 | teilbezahnt, Versorgung ohne Rehabilitation des ganzen Zahnbogens | Zahnersatz für Schaltlücken oder Freiendsituationen |
| 4 | teilbezahnt, Rehabilitation des ganzen Zahnbogens nötig | zahn- oder implantatgetragener, festsitzender oder herausnehmbarer Zahnersatz |
Grundlage ist in allen Fällen die Parodontaltherapie nach der Leitlinie für die Stadien I bis III. Stadium IV erweitert sie um eine Rehabilitationsstufe.
Die wichtigsten Empfehlungen
- Zahnerhalt zuerst: Zahnerhalt soll die primäre Strategie sein (R5.2). Von einer frühen Extraktion von Zähnen mit fraglicher, nicht hoffnungsloser Prognose rät die Leitlinie dringend ab.
- Reihenfolge: Bei Bedarf soll schon während der Parodontaltherapie ein provisorischer Zahnersatz eingesetzt werden, aber erst wenn die Mundhygiene ausreicht (R8.2). Der definitive Zahnersatz soll erst nach abschließender Bewertung der Pfeilerzähne und Implantate folgen (R8.3).
- Pflegbarkeit: Der Zahnersatz soll so gestaltet sein, dass Patienten ihn selbst reinigen können und eine professionelle Reinigung möglich ist (R8.3).
- Lockere Zähne: Vorübergehende Schienung oder begrenztes Einschleifen können erwogen werden, um den Komfort zu erhöhen oder die Therapie zu erleichtern (R6.1, Evidenz sehr niedrig).
- Doppelkronen und Druckknöpfe: Reichen die erhaltungsfähigen Zähne nicht aus, kann herausnehmbarer Zahnersatz auf Zähnen und Implantaten zur Pfeilervermehrung eingesetzt werden (R10.5, neu, Evidenz niedrig).
- UPT: Regelmäßige, professionelle UPT wird mit starker Empfehlung empfohlen, um Zahnverlust langfristig zu reduzieren. Anfangs alle drei Monate, danach nach individuellem Risiko (R11.1, R11.3).
- Allgemeinerkrankungen: Bei Patienten mit chronischen Allgemeinerkrankungen wie Diabetes sollte die Parodontaltherapie auch zur Verbesserung der Stoffwechsellage und des Herz-Kreislauf-Risikos erfolgen (R12.3).
Die Leitlinie weist in Fußnoten selbst auf Grenzen der GKV hin: Kieferorthopädie bei Erwachsenen, regenerative Parodontalchirurgie und Implantate gehören grundsätzlich nicht zur vertragszahnärztlichen Versorgung. Für UPT gelten die Regeln der PAR-Richtlinie. Die Details stehen in einer Stellungnahme der KZBV im Anhang der Leitlinie.
Was die Studienlage ergänzt
Parodontitis und Diabetes. Ein Cochrane-Review von 2022 mit 35 randomisierten Studien und rund 3.200 Teilnehmern, fast alle mit Typ-2-Diabetes, zeigt: Subgingivale Instrumentierung senkt den HbA1c-Wert nach drei bis vier Monaten um 0,43 Prozentpunkte gegenüber keiner Behandlung oder üblicher Versorgung, nach sechs Monaten um 0,30 Prozentpunkte. Die Autoren werten die Evidenz als moderat sicher und den Effekt als klinisch bedeutsam. Einordnung: Das stützt Empfehlung R12.3. Die Parodontitistherapie ist damit auch ein Beitrag zur Diabetesbehandlung, ersetzt diese aber nicht. Schwere unerwünschte Ereignisse traten in beiden Gruppen ähnlich häufig auf, Nebenwirkungen wurden in den meisten Studien aber nicht erfasst. Die Studien liefen höchstens zwölf Monate.
Passend dazu gibt es die S2k-Leitlinie „Diabetes und Parodontitis“ (083-015, Stand Juni 2024, gültig bis Juni 2029). Sie empfiehlt unter anderem, Patienten mit Diabetes nach ihrer Blutzuckereinstellung zu fragen und mindestens einmal jährlich parodontal zu untersuchen. Patienten mit Parodontitis und erhöhtem Diabetesrisiko sollte eine ärztliche Abklärung empfohlen werden.
Mundhygiene-Motivation. Ein Cochrane-Review von 2026 mit 25 Studien untersuchte verhaltensbasierte Programme, die Erwachsene mit Gingivitis oder Parodontitis zu besserer Mundhygiene bewegen sollen. Ergebnis: Ob sie klinische Werte wie Blutung oder Plaque verbessern, ist wegen sehr unsicherer Evidenz derzeit nicht belegt. Einordnung: Das heißt nicht, dass Motivation nutzlos ist. Es heißt, dass kein bestimmtes Programm nachweislich besser wirkt als die übliche Instruktion. Für Stadium IV bleibt die regelmäßige Kontrolle der Mundhygiene wichtig, weil sie laut Leitlinie Wahl und Erfolg der Therapie stark beeinflusst.
Häufige Fragen
Gilt für Stadium IV eine eigene Kassenleistung?
Nein. Die systematische Parodontitistherapie in der GKV richtet sich für alle Stadien nach der PAR-Richtlinie des G-BA. Die Leitlinie weist selbst darauf hin, dass manche empfohlenen Maßnahmen, etwa Kieferorthopädie bei Erwachsenen, regenerative Verfahren oder Implantate, grundsätzlich nicht zur vertragszahnärztlichen Versorgung gehören.
Soll ich Zähne mit fraglicher Prognose früh ziehen?
Die Leitlinie rät davon ausdrücklich ab. Zähne mit fraglicher, nicht hoffnungsloser Prognose sollen zunächst behandelt werden, weil eine frühe Extraktion vom aktuellen Wissensstand nicht gestützt wird.
Quellen
- AWMF-Register 083-056, S3-Leitlinie Die Behandlung von Parodontitis Stadium IV (Langfassung, Stand Mai 2026). Abgerufen am 28.09.2026
- AWMF-Register, Detailseite 083-056. Abgerufen am 28.09.2026
- AWMF-Register 083-015, S2k-Leitlinie Diabetes und Parodontitis (Langversion, Stand Juni 2024). Abgerufen am 28.09.2026
- Simpson TC et al.: Treatment of periodontitis for glycaemic control in people with diabetes mellitus. Cochrane Database Syst Rev 2022, CD004714 (PubMed-Abstract), 14.04.2022. Abgerufen am 28.09.2026
- O'Malley L et al.: Behavioural interventions for improving oral hygiene in adults with periodontal diseases. Cochrane Database Syst Rev 2026, CD012049 (PubMed-Abstract), 28.01.2026. Abgerufen am 28.09.2026
- G-BA, PAR-Richtlinie (Übersicht und Änderungen). Abgerufen am 28.09.2026
Stand: 28.09.2026. Allgemeine Information, keine Beratung im Einzelfall. Regionale Abweichungen der KZVen möglich.
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