Zum Inhalt
Aktuell
Praxis & RechtDental-Influencer: Was Zahnärzte auf Instagram, TikTok und Co. zeigen dürfenWissenschaftKI in der Zahnheilkunde: Röntgen, Dokumentation, Telefon und Abrechnung im CheckJournal of Clinical PeriodontologyStudie der Woche: Gingivitis – was Instruktion, Motivation und elektrische Zahnbürste bringenWissenschaftMedikamente und Zahnbehandlung: Was kritisch ist, mit Such-FinderDeutscher BundestagWer macht Zahnpolitik? Akteure und Entscheidungen 2026Praxis & RechtRevenue Streams in der Zahnarztpraxis: Umsatzbringer und UmsatzkillerWissenschaftMundschleimhaut 2026: die häufigsten Veränderungen, mit Befund-FilterAnbieter & MarktDentaldepot oder Online-Marktplatz: Wohin entwickelt sich der Einkauf der Praxis?
Magazin für Dental-UnternehmerExterne Abrechnung suchen
Wissenschaft

Longevity in der Zahnheilkunde: Was die Evidenz hergibt

Implikation für den Dental-Unternehmer

  • Bei 52,7 Prozent schwerer Parodontitis unter 65- bis 74-Jährigen wächst Ihr Bedarf an UPT, Wurzelkaries-Prävention und zeitnahem Zahnersatz für Senioren.
  • Die Diabetes-Abfrage in der Anamnese lohnt sich, denn die HbA1c-Senkung durch PAR-Therapie ist belegt und ein starkes Argument im Patientengespräch.
  • Werben Sie nicht mit Herz- oder Demenzschutz durch PAR-Therapie, eine ehrliche Darstellung der Studienlage stärkt das Vertrauen Ihrer Patienten.

Mundgesundheit und gesundes Altern. Was die DMS 6 und Cochrane zu Zahnerhalt, Diabetes, Herz-Kreislauf und Demenz sagen, und was davon belegt ist.

Veröffentlicht 28.09.2026Stand 28.09.20263 Min. LesezeitFachlich geprüft: Dentapal GmbH
Artikel teilen

In 2 Minuten

  • Menschen behalten ihre Zähne länger. Laut DMS 6 sind nur noch 5,0 Prozent der 65- bis 74-Jährigen zahnlos (2014 waren es 12,4 Prozent). Mehr Zähne im Alter heißt aber auch mehr Parodontitis und Wurzelkaries.
  • Am besten belegt ist der Zusammenhang mit Diabetes. PAR-Therapie senkt den HbA1c-Wert nach 3 bis 4 Monaten um etwa 0,4 Prozentpunkte (Cochrane 2022, moderate Vertrauenswürdigkeit).
  • Ob PAR-Therapie Herzinfarkte oder Schlaganfälle verhindert, ist nicht belegt (Cochrane 2022, sehr geringe Vertrauenswürdigkeit).
  • Zahnverlust geht mit einem höheren Risiko für kognitive Einbußen und Demenz einher. Bei Menschen mit Zahnersatz war der Zusammenhang nicht signifikant. Das sind Beobachtungsdaten, kein Beweis für Ursache und Wirkung.
  • Was Sie jetzt tun sollten: Machen Sie lebenslangen Zahnerhalt zum Kern Ihres Konzepts für ältere Patienten, mit UPT, Wurzelkaries-Prävention und zeitnahem Zahnersatz, und versprechen Sie keine Effekte, die nicht belegt sind.

„Longevity“ ist ein Trendbegriff: Gesund alt werden statt nur alt werden. Für die Zahnmedizin stellt sich die Frage, was Mundgesundheit dazu beiträgt. Dieser Artikel trennt, was belegt ist, von dem, was nur beobachtet wurde.

Die Ausgangslage: Mehr Zähne, länger

Die Sechste Deutsche Mundgesundheitsstudie (DMS • 6) des Instituts der Deutschen Zahnärzte hat von 2021 bis 2023 bundesweit Menschen verschiedener Altersgruppen untersucht. Für die jüngeren Senioren (65 bis 74 Jahre):

KennzahlDMS • 6
Zahnlos5,0 Prozent (2014: 12,4 Prozent)
Vorhandene Zähne im Mittel19,3
Schwere Parodontitis (Stadium III/IV)52,7 Prozent
Wurzelkaries52,5 Prozent

Einordnung: Prävention wirkt, die Zähne bleiben länger im Mund. Damit verschiebt sich die Arbeit: Mehr Zähne im Alter bedeuten mehr Flächen für Parodontitis und Wurzelkaries. Wer Longevity ernst nimmt, plant für diese Patienten dauerhaft Nachsorge ein, nicht nur einzelne Behandlungen.

Was belegt ist: Parodontitis und Diabetes

Ein Cochrane-Review von 2022 wertete 35 randomisierte Studien mit 3.249 Teilnehmern aus, die Parodontitis und Diabetes hatten. Die subgingivale Instrumentierung senkte den HbA1c-Wert im Vergleich zu keiner Behandlung oder üblicher Versorgung:

ZeitpunktHbA1c-Senkung (absolut)
3 bis 4 Monate0,43 Prozentpunkte
6 Monate0,30 Prozentpunkte
12 Monate0,50 Prozentpunkte (eine Studie)

Die Autoren bewerten die Evidenz als moderat und den Effekt als klinisch relevant. Nebenwirkungen waren, soweit erfasst, gering.

Einordnung: Das ist der stärkste Beleg dafür, dass Zahnmedizin auf eine Allgemeinerkrankung wirkt. Fragen Sie in der Anamnese konsequent nach Diabetes und behandeln Sie eine Parodontitis bei diesen Patienten vorrangig. Die Behandlungsstrecke nach der PAR-Richtlinie finden Sie im PAR-Abrechnungsüberblick, die Leitlinie im Beitrag zur S3-Leitlinie Parodontitis.

Was nicht belegt ist: Herz und Kreislauf

Parodontitis und Herz-Kreislauf-Erkrankungen treten gehäuft gemeinsam auf. Ob eine PAR-Therapie Herzinfarkt, Schlaganfall oder Tod verhindert, hat der Cochrane-Review von 2022 geprüft. Ergebnis: Es gab nur zwei randomisierte Studien, beide klein und mit hohem Verzerrungsrisiko, in einer brachen über 90 Prozent der Teilnehmer ab. Die Vertrauenswürdigkeit der Evidenz ist sehr gering, eine Aussage zum Nutzen ist nicht möglich.

Einordnung: Den Zusammenhang dürfen Sie im Gespräch erwähnen. Eine PAR-Therapie „schützt das Herz“ ist aber keine belegte Aussage.

Was beobachtet wurde: Zahnverlust und Demenz

Eine Dosis-Wirkungs-Metaanalyse von 2021 fasste 14 Längsschnittstudien mit 34.074 Teilnehmern zusammen:

  • Mehr Zahnverlust ging mit einem 1,48-fach höheren Risiko für kognitive Einbußen und einem 1,28-fach höheren Risiko für eine Demenzdiagnose einher.
  • Bei Zahnlosen lag das Risiko 1,54-fach (kognitive Einbußen) und 1,40-fach (Demenz) höher.
  • Jeder weitere fehlende Zahn erhöhte das relative Risiko leicht.
  • Bei Menschen mit Zahnersatz war der Zusammenhang nicht signifikant.

Einordnung: Das sind Beobachtungsstudien. Ob Zahnverlust Demenz mitverursacht oder beides gemeinsame Ursachen hat, etwa Bildung, Rauchen oder Ernährung, lässt sich daraus nicht ableiten. Der Befund zum Zahnersatz spricht aber dafür, Lücken bei älteren Patienten nicht lange unversorgt zu lassen, auch wegen Kaufunktion und Ernährung.

Worauf es in der Praxis ankommt

  • Zahnerhalt als Ziel: UPT nach PAR-Therapie konsequent durchziehen. Die DMS-6-Zahlen zeigen, wie groß der Bedarf bei Senioren ist.
  • Wurzelkaries vorbeugen: Die S3-Leitlinie Kariesprävention empfiehlt dauerhaft Zahnpasta mit 5000 ppm Fluorid und Fluoridlack bei Wurzelkariesrisiko, siehe Kariesprävention.
  • Zahnersatz zeitnah: Kaufähigkeit erhalten, gerade wenn Ernährung und Allgemeinzustand schwächeln.
  • Anamnese als Brücke: Diabetes, Medikamente und Pflegebedarf gehören ins Recall-Gespräch. Für Pflegebedürftige gibt es eigene Präventionsleistungen, siehe Prävention bei Pflegebedürftigen.

Häufige Fragen

Verlängert gute Mundgesundheit das Leben?

Das ist nicht belegt. Es gibt Zusammenhänge zwischen Parodontitis, Zahnverlust und Allgemeinerkrankungen. Einen Nutzen in randomisierten Studien gibt es bisher nur für den Blutzucker bei Diabetes.

Soll ich Diabetikern gezielt eine PAR-Therapie anbieten?

Ja, wenn eine behandlungsbedürftige Parodontitis vorliegt. Laut Cochrane 2022 verbessert die Therapie den HbA1c-Wert in einer klinisch relevanten Größenordnung. Fragen Sie in der Anamnese nach Diabetes und stimmen Sie sich bei Bedarf mit dem Hausarzt oder Diabetologen ab.

Kann ich Patienten sagen, dass PAR-Therapie vor Herzinfarkt oder Demenz schützt?

Nein. Für Herz-Kreislauf-Erkrankungen fehlt ein Nutzennachweis, für Demenz gibt es nur Beobachtungsdaten. Sprechen Sie mit Patienten über Zusammenhänge, nicht über Heilungsversprechen.

Quellen

  1. IDZ: Sechste Deutsche Mundgesundheitsstudie (DMS • 6), Ergebnisportal. Abgerufen am 28.09.2026
  2. KZBV: Sechste Deutsche Mundgesundheitsstudie (DMS 6), Übersicht und Ergebnisbroschüre, 17.03.2025. Abgerufen am 28.09.2026
  3. Eickholz P et al.: Prävalenz von Parodontalerkrankungen in Deutschland, Ergebnisse der DMS • 6. Dtsch Zahnärztl Z 2025; 80(2): 102–110 (IDZ), 15.04.2025. Abgerufen am 28.09.2026
  4. Cochrane Review 2022: Treatment of periodontitis for glycaemic control in people with diabetes mellitus (PubMed), 14.04.2022. Abgerufen am 28.09.2026
  5. Cochrane Review 2022: Periodontal therapy for primary or secondary prevention of cardiovascular disease in people with periodontitis (PubMed). Abgerufen am 28.09.2026
  6. Qi X et al.: Dose-Response Meta-Analysis on Tooth Loss With the Risk of Cognitive Impairment and Dementia. J Am Med Dir Assoc 2021 (PubMed). Abgerufen am 28.09.2026

Stand: 28.09.2026. Allgemeine Information, keine Beratung im Einzelfall. Regionale Abweichungen der KZVen möglich.

War dieser Artikel hilfreich?
Artikel teilen

Weiterlesen