Füllungstherapie nach dem Amalgam-Aus: Was Leitlinie und Studien sagen
Implikation für den Dental-Unternehmer
- Legen Sie im Team feste Materialregeln für Komposit, Bulkfill und Glasionomer fest und begründen Sie die Wahl, vor allem bei Mehrkostenvereinbarungen.
- Bulkfill zeigt laut Cochrane wahrscheinlich nicht mehr Misserfolge als Schichttechnik, das stützt seinen Einsatz als Kassenleistung im Ausnahmefall.
- Bei tiefer Karies spricht die Evidenz für selektives Exkavieren, dokumentieren Sie Kariestiefe, Sensibilität und Vorgehen nachvollziehbar.
Die S3-Leitlinie zu Kompositfüllungen, neue Cochrane-Daten zu Seitenzahnmaterialien und die Evidenz zur selektiven Kariesentfernung, eingeordnet für die Praxis.
In 2 Minuten
- Die S3-Leitlinie 083-028 zu direkten Kompositrestaurationen gilt bis Januar 2029. Komposit kann bei Klasse I und II verwendet werden, in der Front soll es das Material der Wahl sein.
- Glasionomerzement ist laut Leitlinie eine Alternative im Seitenzahn, etwa bei kleinen Kavitäten, eingeschränkter Mitarbeit oder erhöhtem Kariesrisiko.
- Eine Cochrane-Übersicht vom Juli 2026 findet zwischen Bulkfill- und Schichttechnik wahrscheinlich keinen Unterschied bei den Misserfolgen.
- Bei pulpanahen Läsionen sollte die Karies einzeitig selektiv entfernt werden. Das stützt auch eine neue europäische S3-Leitlinie zur tiefen Karies.
- Was Sie jetzt tun sollten: Legen Sie im Team fest, wann Sie Komposit, Bulkfill oder Glasionomer einsetzen, und dokumentieren Sie die Materialwahl.
Seit dem 1. Januar 2025 ist Amalgam in der EU nur noch in Ausnahmefällen erlaubt. Welche Füllungen die GKV seitdem bezahlt, lesen Sie im Beitrag Nach dem Amalgam-Aus. Hier geht es um die fachliche Seite: Was sagt die Leitlinie, und was zeigen neuere Übersichtsarbeiten?
Die Leitlinie: Direkte Kompositrestaurationen
Die S3-Leitlinie „Direkte Kompositrestaurationen an bleibenden Zähnen im Front- und Seitenzahnbereich“ (AWMF-Register 083-028) stammt von der Deutschen Gesellschaft für Zahnerhaltung (DGZ) und der DGZMK. Beteiligt waren unter anderem BZÄK und KZBV.
Die Langfassung trägt den Stand 26. Januar 2024 (Version 2.0) und ist bis 25. Januar 2029 gültig. Sie wurde vor dem EU-Amalgamverbot abgeschlossen und geht auf das Verbot nicht ein.
Die wichtigsten Empfehlungen:
| Situation | Empfehlung der Leitlinie | Stärke |
|---|---|---|
| Klasse I und II | Komposit kann verwendet werden | offen (0) |
| Klasse I und II, Alternative | Glasionomerzement kann verwendet werden, u. a. bei kleineren Kavitäten, eingeschränkter Mitarbeit, erhöhtem Kariesrisiko | Expertenkonsens |
| Klasse I und II | Indirekte Kompositinlays sollten nicht verwendet werden, wenn eine direkte Füllung möglich ist | B (sollte nicht) |
| Höckerersatz im Seitenzahn | Komposit kann verwendet werden | offen (0) |
| Klasse III und IV | Direktes Komposit soll verwendet werden | A (soll) |
| Klasse III und IV | Glasionomer sollte nicht zur dauerhaften Versorgung verwendet werden | Expertenkonsens |
| Klasse V | Komposit oder Glasionomer können verwendet werden | offen (0) |
Beim Glasionomerzement meint die Leitlinie ausdrücklich Materialien, die der Hersteller für die dauerhafte Anwendung im Seitenzahnbereich freigibt.
Kariesexkavation. Selektive und nicht-selektive Verfahren können laut Leitlinie beide eingesetzt werden. Bei pulpanahen Dentinläsionen sollte aber eine einzeitige selektive Kariesentfernung der schrittweisen oder nicht-selektiven Entfernung vorgezogen werden (Expertenkonsens, starker Konsens).
Trockenlegung. Relative und absolute Trockenlegung sind beide möglich. Kofferdam könnte sich laut Leitlinie langfristig positiv auf die Lebensdauer der Füllung auswirken.
Was neuere Studien zeigen
Cochrane-Übersicht 2026: Materialien im Seitenzahn
Im Juli 2026 hat Cochrane eine Übersicht über systematische Reviews zu direkten Füllungsmaterialien im Seitenzahn veröffentlicht. Anlass ist ausdrücklich die Suche nach Alternativen zu Amalgam. Ausgewertet wurden 14 Reviews mit 57 Primärstudien. Nur zwei der Reviews hatten ein niedriges Verzerrungsrisiko.
- Bulkfill gegen Schichttechnik: Mit moderater Vertrauenswürdigkeit gibt es wahrscheinlich keinen Unterschied. Das Misserfolgsrisiko lag in beiden Gruppen unter 5 Prozent.
- Komposit gegen Glasionomer: Möglicherweise kaum ein Unterschied bei Misserfolgen, allerdings mit niedriger Vertrauenswürdigkeit und kleiner Fallzahl.
- Kunststoffmodifizierter gegen konventionellen Glasionomerzement: Der kunststoffmodifizierte schnitt nach zwei Jahren möglicherweise besser ab, bei sehr kleiner Fallzahl.
- Amalgam gegen Komposit: Weniger Misserfolge mit Amalgam, was laut den Autoren aber nicht unbedingt der heutigen Praxis entspricht.
Die Autoren betonen, dass kaum Daten aus der allgemeinen Zahnarztpraxis stammen und dass Prävention der wichtigste Hebel bleibt.
Einordnung: Für die Praxis ist der Bulkfill-Befund die belastbarste Aussage. Er stützt die Kassenregel, nach der Bulkfill im Seitenzahn im Ausnahmefall Kassenleistung ist. Zu den seit 2025 in der GKV vorgesehenen selbstadhäsiven Materialien gibt es noch wenig belastbare Vergleichsdaten.
Cochrane 2021: Komposit gegen Amalgam
Der Cochrane-Review von 2021 fand in zwei Studien mit 921 Kindern ein fast doppelt so hohes Misserfolgsrisiko für Komposit (RR 1,89) und ein deutlich höheres Risiko für Sekundärkaries (RR 2,14), bei niedriger Vertrauenswürdigkeit. Die Autoren weisen selbst darauf hin, dass sich Komposite seit diesen Studien deutlich verbessert haben.
Einordnung: Der Vergleich ist für die Materialwahl heute kaum noch relevant, weil Amalgam nur noch in Ausnahmen erlaubt ist. Er erinnert aber daran, dass Sekundärkaries die Schwachstelle von Komposit ist. Saubere Trockenlegung, Adhäsivtechnik und Recall zahlen sich aus.
Umbrella Review 2026: Wie viel Karies entfernen?
Eine Übersicht über sieben systematische Reviews im Journal of Dentistry (Ausgabe Oktober 2026) fand keine Technik, die in allen Endpunkten überlegen ist. Die selektive Entfernung wurde bei hohem Risiko einer Pulpaeröffnung meist bevorzugt. Die Vertrauenswürdigkeit war insgesamt niedrig bis sehr niedrig. Die Autoren raten, die Entscheidung an Pulpadiagnose, Röntgentiefe und Patientenfaktoren auszurichten.
Die neue europäische S3-Leitlinie zur tiefen Karies (EFCD, ESE, ORCA, 2026) stützt die selektive oder schrittweise Entfernung, um eine Pulpaeröffnung zu vermeiden. Unterfüllungen (Liner) nach der Exkavation bringen laut Leitlinie keinen einheitlichen Nutzen und werden nicht routinemäßig empfohlen.
Häufige Fragen
Ist Glasionomerzement im Seitenzahn leitliniengerecht?
Ja, in bestimmten Situationen. Die S3-Leitlinie nennt kleinere Kavitäten, eingeschränkte Mitarbeit und erhöhtes Kariesrisiko. Gemeint sind Glasionomerzemente, die der Hersteller für die dauerhafte Anwendung im Seitenzahnbereich freigibt.
Muss ich bei tiefer Karies bis ins harte Dentin exkavieren?
Nein. Laut S3-Leitlinie 083-028 sollte bei pulpanahen Dentinläsionen einzeitig selektiv exkaviert werden, statt schrittweise oder vollständig. Das senkt das Risiko einer Pulpaeröffnung.
Quellen
- AWMF-Register 083-028, S3-Leitlinie Direkte Kompositrestaurationen an bleibenden Zähnen im Front- und Seitenzahnbereich (Langfassung, Stand Januar 2024). Abgerufen am 28.09.2026
- Cochrane Review 2026: Restorative materials for direct coronal restoration of permanent posterior teeth, an overview of systematic reviews (PubMed), 14.07.2026. Abgerufen am 28.09.2026
- Cochrane Review 2021: Direct composite resin fillings versus amalgam fillings for permanent posterior teeth (PubMed), 13.08.2021. Abgerufen am 28.09.2026
- Umbrella Review 2026: selektive, nicht-selektive und schrittweise Kariesentfernung, J Dent (PubMed). Abgerufen am 28.09.2026
- Deep Caries Management: EFCD-ESE-ORCA S3-Level Clinical Practice Guideline, Caries Res 2026 (PubMed), 22.04.2026. Abgerufen am 28.09.2026
- DGZ, Pressemitteilung: Neue europäische S3-Leitlinie ordnet das Management tiefer Karies neu. Abgerufen am 28.09.2026
Stand: 28.09.2026. Allgemeine Information, keine Beratung im Einzelfall. Regionale Abweichungen der KZVen möglich.
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