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Botulinumtoxin in der Zahnarztpraxis: Anwendungen und was Zahnärzte dürfen

Implikation für den Dental-Unternehmer

  • Botulinumtoxin taugt nur als Zusatzleistung bei Kaumuskel- und Kiefererkrankungen wie Bruxismus, nicht als Einstieg ins Ästhetikgeschäft.
  • Planen Sie Zeit für Diagnose, Dokumentation und Off-Label-Aufklärung ein, laut Leitlinie meist erst nach Schiene und Selbsthilfe.
  • Faltenwünsche verweisen Sie an Ärzte, ein Botox-Kurs erweitert Ihr Leistungsspektrum nicht über die Zahnheilkunde hinaus.

Bruxismus ja, Stirnfalten nein. Wo Botulinumtoxin in der Zahnmedizin eingesetzt wird, was Leitlinie und Zulassung sagen und wo die Rechtsprechung die Grenze zieht.

Veröffentlicht 01.10.2026Stand 01.10.20265 Min. LesezeitFachlich geprüft: Dentapal GmbH
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  • Zahnärzte dürfen Zahn-, Mund- und Kieferkrankheiten behandeln (§ 1 Abs. 3 ZHG). Maßgeblich ist, wo der Behandlungsansatz liegt, nicht wo die Nadel einsticht.
  • Faltenbehandlung außerhalb von Mund und Lippen (Stirn, Augen, Nasolabialfalte, Hals) ist laut OVG NRW keine Zahnheilkunde. Dafür braucht es eine ärztliche Approbation oder eine Heilpraktikererlaubnis.
  • Botulinumtoxin in die Kaumuskulatur bei Bruxismus kann laut S3-Leitlinie (Januar 2026) erwogen werden. Die Evidenz ist niedrig, die Anwendung ist off-label.
  • Kein in Deutschland zugelassenes Botulinumtoxin-Präparat hat Bruxismus oder CMD als Anwendungsgebiet.
  • Was Sie jetzt tun sollten: Setzen Sie Botulinumtoxin nur mit dokumentierter zahnmedizinischer Diagnose ein, klären Sie über Off-Label-Einsatz und Nebenwirkungen auf und lassen Sie rein ästhetische Wünsche außen vor.

Botulinumtoxin ist in der Zahnmedizin angekommen: Kurse für Zahnärzte, Patienten mit Knirschbeschwerden, Wünsche nach glatter Stirn. Die Grenze, was Sie als Zahnarzt dürfen, zieht nicht das Präparat, sondern das Zahnheilkundegesetz.

Was Zahnärzte dürfen: die Grenze im Gesetz

Zahnheilkunde ist nach § 1 Abs. 3 ZHG die „Feststellung und Behandlung von Zahn-, Mund- und Kieferkrankheiten“.[4] Als Krankheit gilt jede von der Norm abweichende Erscheinung im Bereich der Zähne, des Mundes und der Kiefer.[4] Wer darüber hinaus Heilkunde ausübt, braucht eine ärztliche Approbation oder eine Heilpraktikererlaubnis (§ 1 HeilprG).[5]

Das OVG Nordrhein-Westfalen hat diese Grenze 2013 für Faltenunterspritzungen konkretisiert:

  • Leitsatz: Ein Zahnarzt ist „nicht zur Durchführung von Faltenunterspritzungen außerhalb des Bereichs der Zähne, des Mundes einschließlich der bei natürlichem Verständnis dazugehörigen Lippen und des Kiefers berechtigt“.[1]
  • Maßstab: Zur Zahnheilkunde gehören nur Maßnahmen, die „ihren unmittelbaren Behandlungsansatz“ im Bereich von Zähnen, Mund und Kiefer haben.[1]
  • Ausnahme: Ein „notwendiger begleitender Übergriff auf die Gesichtshaut“ kann bei Behandlungen im Zahn-, Mund- und Kieferbereich zulässig sein.[1]
  • Ästhetik: Auch kosmetische Eingriffe können Heilkunde sein.[1] Entscheidend ist der Ort des Behandlungsziels, nicht der Zweck.[1]

Die Vorinstanz, das VG Münster, hatte 2011 ebenso entschieden.[2] 2017 bestätigte das OVG NRW, dass weder die zahnärztliche Approbation noch „das Vorhandensein entsprechender fachlicher Kompetenzen“ zur Faltenbehandlung im Gesichts- und Halsbereich außerhalb des Lippenrots berechtigt.[3] Im dortigen Fall hatte ein Zahnarzt trotz Untersagung weiter Stirn, Augenpartie und Wangen behandelt.[3] Die Approbation wurde widerrufen.[3]

Was zulässig ist und was nicht

Darf ich als Zahnarzt Botulinumtoxin spritzen?
1Liegt das Behandlungsziel an Zähnen, Mund (einschließlich Lippenrot) oder Kiefer?
NeinKeine Zahnheilkunde. Ärztliche Approbation oder Heilpraktikererlaubnis nötig.
Ja ↓
2Liegt eine Erkrankung vor, z. B. Bruxismus mit Schmerzen oder Masseterhypertrophie mit Beschwerden?
NeinRein ästhetischer Wunsch. Nicht von der zahnärztlichen Approbation gedeckt.
Ja ↓
3Sind Diagnose, bisherige Therapie und Aufklärung über den Off-Label-Einsatz dokumentiert?
NeinErst nachholen, dann behandeln.
Ja ↓
Zahnheilkunde: Sie dürfen behandeln, auch mit Injektion von außen in Masseter oder Temporalis.
Quelle: § 1 Abs. 3 ZHG; OVG NRW, 13 A 1210/11 und 13 A 168/16; eigene Darstellung
Abgeleitet aus der Rechtsprechung
✓ Zahnheilkunde
  • Bruxismus und Pressen mit Beschwerden
  • Myofasziale Schmerzen der Kaumuskulatur
  • Masseterhypertrophie mit Beschwerden
  • Lippenrot
✕ Keine Zahnheilkunde
  • Stirn, Glabella, Krähenfüße
  • Nasolabialfalte, Falten um den Mund außerhalb der Lippen
  • Hals
  • Gesichtsverschmälerung ohne Beschwerden
Quelle: OVG NRW, 13 A 1210/11 und 13 A 168/16; die einzelnen Anwendungen hat das Gericht nicht jeweils entschieden

Nicht entschieden ist der „Gummy Smile“: Gespritzt wird in die Lippenheber oberhalb der Lippe, das Ziel ist ästhetisch. Nach der Linie des OVG NRW liegt das außerhalb der Zahnheilkunde.

Die Diagnose trägt die Behandlung

Ob eine Masseter-Injektion Zahnheilkunde ist, hängt an der dokumentierten Diagnose. Halten Sie Befund, Beschwerden, bisherige Therapie (z. B. Schiene) und Indikation in der Kartei fest. Ein ästhetischer Wunsch allein reicht nicht.

Was die Leitlinie sagt

Die S3-Leitlinie Bruxismus von DGFDT und DGZMK (Stand Januar 2026, BZÄK beteiligt) enthält eine eigene Empfehlung:

  • Empfehlung 24: „Die Injektion von Botulinumtoxin bei Erwachsenen in die Kaumuskulatur kann als Behandlungsmaßnahme erwogen werden.“ Konsens, Qualität der Evidenz nach GRADE niedrig.[6]
  • Wirkung: drei bis sechs Monate.[6] Botulinumtoxin wirkt eher auf Schmerz und Intensität der Muskelaktivität als auf die Häufigkeit des Knirschens.[6]
  • Stellenwert: Zwei der ausgewerteten Übersichtsarbeiten sehen Botulinumtoxin als Therapie zweiter Wahl, also nach Aufklärung, Selbsthilfe und Schiene.[6] Zwei weitere stellen den Nutzen in Frage.[6]
  • Nebenwirkungen: u. a. Mundtrockenheit, Kau- und Schluckprobleme, Gesichtsasymmetrie, verändertes Lächeln, Kopfschmerz.[6] Eine kleine Studie fand nach sechs Monaten eine geringere Knochendichte im Kieferbereich, die Aussagekraft ist begrenzt.[6]
  • Offen: Zielmuskeln, Zahl der Injektionsstellen, Dosis und Verdünnung.[6]
  • Pflichten: Aufklärung über die allgemeinen Risiken, Off-Label-Einsatz und berufsrechtliche Vorgaben beachten.[6]

Zulassung: überall off-label

Kein Botulinumtoxin-Präparat ist in Deutschland für Bruxismus, CMD oder Masseterhypertrophie zugelassen.[7, 8, 9] Beispiele aus den Fachinformationen:

PräparatZugelassene Anwendungsgebiete (Auszug)
BOTOXBlepharospasmus, hemifazialer Spasmus, zervikale Dystonie, Spastik, chronische Migräne, Blase, axilläre Hyperhidrose [7]
XEOMINBlepharospasmus, zervikale Dystonie, Spastik, chronische Sialorrhö bei neurologischen Erkrankungen [8]
BOCOUTUREGlabella-, Kanthal- und Stirnfalten bei Erwachsenen unter 65 Jahren [9]

Für den Zahnarzt heißt das: Jeder funktionelle Einsatz in der Kaumuskulatur ist Off-Label-Use.[6] Die Einheiten sind zwischen den Präparaten nicht übertragbar, die Dosis richtet sich nach dem jeweiligen Produkt.[7, 8] Alle Präparate sind verschreibungspflichtig.[7, 8, 9]

Häufige Fragen

Darf ich bei Bruxismus von außen in den Masseter spritzen?

Ja, wenn die Behandlung einer Kiefer- oder Kaumuskelerkrankung dient. Das OVG NRW stellt auf den Behandlungsansatz im Zahn-, Mund- und Kieferbereich ab, ein notwendiger Übergriff auf die Gesichtshaut kann dann zulässig sein. Dokumentieren Sie Diagnose und Indikation.

Darf ich Lippen unterspritzen?

Das Lippenrot gehört nach dem OVG NRW zum Mund. Die Lippenbehandlung war im Verfahren 2013 nicht mehr streitig, entschieden hat das Gericht darüber nicht. Alles jenseits des Lippenrots ist keine Zahnheilkunde.

Darf ich einen „Gummy Smile“ mit Botulinumtoxin behandeln?

Dafür wird in die Lippenheber-Muskulatur oberhalb der Lippe gespritzt, das Ziel ist ästhetisch. Ein Urteil dazu kennen wir nicht. Nach der Linie des OVG NRW liegt das außerhalb der Zahnheilkunde.

Reicht ein Botox-Kurs, um Falten behandeln zu dürfen?

Nein. Das OVG NRW hat 2017 klargestellt, dass weder die zahnärztliche Approbation noch entsprechende fachliche Kompetenzen zur Faltenbehandlung außerhalb des Lippenrots berechtigen.

Quellen

  1. OVG Nordrhein-Westfalen, Urteil vom 18.04.2013, 13 A 1210/11 (Faltenunterspritzung durch Zahnärztin), 18.04.2013. Abgerufen am 01.10.2026
  2. VG Münster, Urteil vom 19.04.2011, 7 K 338/09 (Vorinstanz), 19.04.2011. Abgerufen am 01.10.2026
  3. OVG Nordrhein-Westfalen, Beschluss vom 17.05.2017, 13 A 168/16 (Widerruf der Approbation), 17.05.2017. Abgerufen am 01.10.2026
  4. Gesetz über die Ausübung der Zahnheilkunde (ZHG), § 1. Abgerufen am 01.10.2026
  5. Heilpraktikergesetz (HeilprG), § 1. Abgerufen am 01.10.2026
  6. DGFDT, DGZMK: S3-Leitlinie Diagnostik und Behandlung von Bruxismus, AWMF-Register 083-027, Langfassung, Stand Januar 2026, 01.01.2026. Abgerufen am 01.10.2026
  7. Fachinformation BOTOX 50/100/200 Allergan-Einheiten, Stand September 2025, 01.09.2025. Abgerufen am 01.10.2026
  8. Fachinformation XEOMIN 50/100/200 Einheiten, Stand Dezember 2025, 01.12.2025. Abgerufen am 01.10.2026
  9. Fachinformation BOCOUTURE 50/100 Einheiten, Stand Juni 2025, 01.06.2025. Abgerufen am 01.10.2026

Stand: 01.10.2026. Allgemeine Information, keine Beratung im Einzelfall. Regionale Abweichungen der KZVen möglich.

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