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Kieferorthopädie: Frühbehandlung, Diagnostik und Retention nach Leitlinie und Cochrane

Implikation für den Dental-Unternehmer

  • Fotoanalyse und 3D-Modellanalyse gehören vor jede Behandlung, DVT nicht zur Routine, richten Sie Geräte und Abläufe danach aus.
  • Setzen Sie bei Frühbehandlung realistische Erwartungen, bei Klasse III kann der Effekt nach Jahren schwinden, das beugt Enttäuschung bei Eltern vor.
  • Bei der Retention zählt die Mitarbeit mehr als das System, planen Sie feste Kontrolltermine und halten Sie Retainer und Tragezeit fest.

Wann KFO früh beginnen sollte, welche Diagnostik die neue S2k-Leitlinie verlangt und was Cochrane-Reviews zu Klasse III und Retainern zeigen.

Veröffentlicht 28.09.2026Stand 28.09.20265 Min. LesezeitFachlich geprüft: Dentapal GmbH
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In 2 Minuten

  • Die S3-Leitlinie zu idealen Behandlungszeitpunkten (083-038) gilt nur noch bis Dezember 2026. Die S2k-Leitlinie zur KFO-Diagnostik (083-050) ist neu und gilt bis Juni 2030.
  • Klasse-III- und ausgeprägte transversale Anomalien sollten früh behandelt werden. Bei Klasse II ist eine Frühbehandlung vor allem sinnvoll, um Frontzahntraumata zu vermeiden.
  • Nach Cochrane (2024) verbessert eine Frühbehandlung der Klasse III Biss und Kieferrelation zunächst deutlich, nach sechs Jahren war der Vorteil in einer Studie aber nicht mehr nachweisbar.
  • Zu Retainern ist die Evidenz laut Cochrane (2023) niedrig bis sehr niedrig, kein Verfahren ist klar überlegen.
  • Was Sie jetzt tun sollten: Gleichen Sie Ihr Diagnostik-Set (Fotos, Modelle, Röntgen) mit der neuen S2k-Leitlinie ab und fertigen Sie DVT nur bei konkreter Fragestellung an.

Für die Kieferorthopädie gibt es zwei Leitlinien, die den Praxisalltag direkt betreffen: eine zum richtigen Zeitpunkt der Behandlung und eine neue zur Diagnostik. Dazu kommen Cochrane-Reviews zur Frühbehandlung und zur Retention. Was davon für Sie zählt.

Der Stand der Leitlinien

LeitlinieAWMF-Nr.StandGültig bis
S3-Leitlinie Ideale Behandlungszeitpunkte kieferorthopädischer Anomalien083-038Dezember 2021Dezember 2026
S2k-Leitlinie Ideale Zeitpunkte und Maßnahmen der kieferorthopädischen Diagnostik083-050Juni 2025 (Version 1.1)Juni 2030

Federführend sind jeweils die DGKFO und die DGZMK. An der Diagnostik-Leitlinie waren unter anderem auch BZÄK, KZBV und der Berufsverband der Deutschen Kieferorthopäden beteiligt.

Zeitpunkt-Leitlinie läuft bald ab

Die S3-Leitlinie zu den Behandlungszeitpunkten ist nur noch bis Dezember 2026 gültig. Achten Sie darauf, ob die Fachgesellschaften sie verlängern oder überarbeiten.

Wann behandeln? Die Empfehlungen zum Zeitpunkt

AnomalieEmpfehlung der S3-LeitlinieGrad
Ausgeprägte Klasse IIkann früh begonnen werden, vor allem um Frontzahntraumata zu vermeiden0 („kann“)
Moderate Klasse IIkann bevorzugt im späten Wechselgebiss, vor oder während des pubertären Wachstumsgipfels erfolgen0 („kann“)
Klasse IIIsollte früh beginnen, etwa in der frühen WechselgebissphaseB („sollte“)
Ausgeprägte transversale Anomalie im Oberkiefersollte früh beginnenB („sollte“)

Die Leitlinie hält außerdem fest: Eine vergrößerte Frontzahnstufe (Overjet) hängt mit einem höheren Risiko für Frontzahntraumata zusammen. Bei Klasse III gibt es Hinweise, dass eine frühe Behandlung spätere Operationen seltener nötig macht.

Was die Cochrane-Reviews zeigen

Klasse II: Frühbehandlung schützt vor allem die Frontzähne

Der Cochrane-Review von 2018 (27 Studien, 1.251 Teilnehmer) ist eine der Grundlagen der S3-Leitlinie. Eine frühe Behandlung mit funktionskieferorthopädischen Geräten senkte das Risiko für Frontzahntraumata gegenüber einer späteren Behandlung (Odds Ratio 0,56, moderate Evidenz). Beim Overjet und der Kieferrelation am Ende fand sich kein Unterschied. Die Autoren sehen darüber hinaus keine weiteren Vorteile der Frühbehandlung.

Klasse III: deutlicher Effekt, der mit der Zeit nachlässt

Der Cochrane-Review von April 2024 umfasst 29 randomisierte Studien mit 1.169 Kindern im Alter von 5 bis 13 Jahren.

  • Direkt nach der Behandlung verbesserten nicht chirurgische Verfahren wie die Gesichtsmaske Overjet (im Mittel um etwa 5 mm) und Kieferrelation deutlich, bei moderater Evidenz.
  • Langfristig gibt es nur eine Studie. Nach drei Jahren waren die Verbesserungen kleiner, nach sechs Jahren nicht mehr nachweisbar (65 Teilnehmer).
  • Operation: In derselben Studie wurde bei Kindern ohne Gesichtsmaske häufiger ein Bedarf für eine chirurgische Korrektur gesehen (Odds Ratio 3,34, niedrige Evidenz).

Unsere Einordnung: Der Review stützt die „sollte“-Empfehlung der Leitlinie für den kurzfristigen Effekt. Ob der Vorteil bleibt, ist nur schwach belegt. Klären Sie Eltern darüber auf, dass Wachstum den Behandlungserfolg wieder verringern kann und eine spätere Operation nicht sicher vermieden wird.

Retention: kein Verfahren klar überlegen

Der Cochrane-Review von Mai 2023 hat 47 Studien mit 4.377 Teilnehmern ausgewertet. Die Evidenz ist durchweg niedrig bis sehr niedrig.

  • Herausnehmbare Kunststoff-Retainer (Teilzeit) im Unterkiefer zeigten etwas mehr Rezidiv als festsitzende Multistrand-Retainer, aber in klinisch nicht bedeutsamem Ausmaß. Sie waren unangenehmer, fielen aber seltener aus und gingen mit besserer Zahnfleischgesundheit einher.
  • Hawley-Retainer fielen seltener aus als tiefgezogene Klarsicht-Retainer (RR 0,60).
  • Zwischen Teilzeit- und Vollzeit-Tragen von Hawley-Retainern fand sich kein Unterschied in der Stabilität.

Die Autoren ziehen keine festen Schlüsse zugunsten eines Verfahrens.

Unsere Einordnung: Die Wahl des Retainers bleibt eine Einzelfallentscheidung. Wichtig ist, dass Patienten und Eltern die Retentionsphase verstehen und mitmachen. Halten Sie Art des Retainers, Tragezeit und Kontrolltermine schriftlich fest.

Die neue Diagnostik-Leitlinie

Die S2k-Leitlinie 083-050 regelt, was vor und während einer Früh-, Regel- oder Spätbehandlung an Diagnostik nötig ist. Alle Empfehlungen sind Expertenkonsens mit starkem Konsens.

  • Anamnese: Vor jeder Behandlung soll eine allgemeine und spezielle Anamnese erhoben werden, vor Früh- und Regelbehandlung sollte eine Familienanamnese dazukommen.
  • Fotos und Befund: Extraorale Inspektion mit Fotoanalyse (frontal und Profil) sowie eine intraorale Untersuchung sollen vor jeder Behandlung erfolgen.
  • Funktion: Eine orientierende Untersuchung von Habits und orofazialen Dysfunktionen soll erfolgen. Vor Regel- und Spätbehandlung sollte ein CMD-Screening dazukommen.
  • Modelle: Dreidimensionale Kiefermodelle sollen vor jeder Behandlung analysiert werden.
  • OPG: Vor Regel- und Spätbehandlung soll ein OPG befundet werden, vor einer Frühbehandlung nur, wenn es die Planung beeinflusst.
  • DVT: nur bei spezifischer Fragestellung mit Konsequenz für die Therapie, vor Frühbehandlung besonders streng. DVT ist ausdrücklich kein Bestandteil der Routinediagnostik.
  • KI und Telemedizin: KI kann bei Modell- und Fernröntgenanalyse unterstützen, ersetzt aber nicht Befundung und Planung durch den Zahnarzt. Telemedizin allein reicht für die intraorale Diagnostik nicht aus.
Telemedizin ersetzt keine Untersuchung

Die Leitlinie stellt fest, dass telemedizinische Möglichkeiten die zahnärztliche Untersuchung vor und während einer KFO-Behandlung nicht ersetzen können. Das ist relevant, wenn Patienten mit Angeboten ohne persönliche Untersuchung in die Praxis kommen.

Und die Kasse?

Die Leitlinien beschreiben den fachlichen Standard. Ob die GKV zahlt, bestimmen die KFO-Richtlinien des G-BA mit den kieferorthopädischen Indikationsgruppen (KIG). Wann eine Frühbehandlung Kassenleistung ist und wie lange die Retention abgerechnet werden kann, lesen Sie in Kieferorthopädie (KFO): Abrechnung im Überblick.

Häufige Fragen

Lohnt sich eine Frühbehandlung bei Klasse II?

Vor allem zur Vorbeugung von Frontzahntraumata. Laut Cochrane-Review von 2018 senkt eine frühe Behandlung das Traumarisiko, weitere Vorteile gegenüber einer späteren Behandlung fanden sich nicht. Die S3-Leitlinie sieht eine frühe Therapie bei ausgeprägter Klasse II als Option, bei moderater Klasse II eher im späten Wechselgebiss.

Gehört ein DVT zur KFO-Routinediagnostik?

Nein. Die S2k-Leitlinie 083-050 sagt ausdrücklich, dass DVT kein Bestandteil der kieferorthopädischen Routinediagnostik ist. Es soll nur bei spezifischen Fragestellungen mit Konsequenz für die Therapie angefertigt werden, vor einer Frühbehandlung besonders streng.

Quellen

  1. AWMF-Register 083-038, S3-Leitlinie Ideale Behandlungszeitpunkte kieferorthopädischer Anomalien (Langversion, Stand Dezember 2021). Abgerufen am 28.09.2026
  2. AWMF-Register 083-050, S2k-Leitlinie Ideale Zeitpunkte und Maßnahmen der kieferorthopädischen Diagnostik (Langfassung, Version 1.1, Stand Juni 2025). Abgerufen am 28.09.2026
  3. Cochrane Review CD003451: Orthodontic treatment for prominent lower front teeth (Class III malocclusion) in children (2024), 10.04.2024. Abgerufen am 28.09.2026
  4. Cochrane Review CD002283: Retention procedures for stabilising tooth position after treatment with orthodontic braces (2023), 22.05.2023. Abgerufen am 28.09.2026
  5. Cochrane Review CD003452: Orthodontic treatment for prominent upper front teeth (Class II malocclusion) in children and adolescents (2018). Abgerufen am 28.09.2026

Stand: 28.09.2026. Allgemeine Information, keine Beratung im Einzelfall. Regionale Abweichungen der KZVen möglich.

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